Vertrauen in Fremde
über Fremdverbundenheit
Letzthin hat uns in einer kleinen Runde eine Freundin gefragt, ob wir ihr noch eine Idee für ihre nächste Kolumne haben. Da haben wir kurz gebrainstormt. Ich habe vorgeschlagen, sie soll doch über «Fremdverbundenheit» schreiben. Irgendwo bei Şeyda Kurt oder bei bell hooks habe ich mal davon gelesen. Das Konzept beschreibt «das Gefühl einer tiefen, aber oft flüchtigen emotionalen Verbindung zu einer fremden Person, die ohne langfristige Beziehung entsteht.» Habt ihr sicher alle schonmal erlebt. Im Coop, wenn das Ticket bei der Gemüsewage nicht rauskommt und die Person nach dir hat dasselbe Problem. Dann lächelt man sich kurz zu und fühlt sich durch die gemeinsame Notlage miteinander verbunden. So schön, oder? Und nein, weil das kam als Gegenfrage in der Runde: Es geht nicht darum, dass man jemanden «einfach hot findet.»
Ich glaube, das ist ein extrem wichtiges Gefühl. Es ist sozusagen das Gegenteil von Fremdenhass. Es gibt mir vertrauen in das sogenannte Fremde. Ich fühle mich dann aufgehoben. In seinem Kern liegt viel Vertrauen in das sogenannte Andere, in das Unbekannte, in die Welt. Kae Tempest, dessen Texte ja quasi als Säulenheilige dieses Blogs dienen, hat ein Gedicht geschrieben, das heisst: «People’s Faces». In dem Gedicht findet das Lyrische-Ich Geborgenheit in den Gesichtern anderer, Komfort.
Mit der Freundin habe ich dann auch über Musik gesprochen und dass wir ohne sie nicht leben könnten. Ich könnte auch ohne die fremden Menschen nicht leben. Und dann habe ich für mich selber weiter gebrainstormt und mir ist eingefallen, dass Andy Stott genau diese beiden Dinge miteinander verbindet. Das wunderbare Album «Faith in Strangers» kam nun auch schon wieder vor einer rechten Weile heraus. Ok, habe kurz gegooglet: Oh gott, es sind 10 Jahre! Happy anniversary, Andy!
«Die Musik von Andy Stott auf diesem Album ist oft atmosphärisch, introspektiv und emotional vielschichtig, was Raum für persönliche Interpretation lässt. Die Tracks strahlen eine gewisse Melancholie, aber auch Wärme aus, die gut mit der Idee harmoniert, dass selbst in Fremdheit oder Isolation Verbindungen und Vertrauen entstehen können.»
Geht raus! Verbindet euch mit Fremden! Ladet sie zu euch nachhause ein! Oder wenigstens auf einen Kaffee!
PS: letzthin habe ich zwei Fremde auf der Strasse beobachtet. Meine Interpretation der Szene: zwei Freunde, die sich schon seit vielen Jahren kennen und gemeinsam zum Hundespaziergang gehen. Da ging mir das Herz auf. Dazu das Bild zu diesem Blogbeitrag.


